Di 09.09.25, 16 Uhr – 80 Jahre Kriegsende – Gesprächsrunde (3)
Am Dienstag dem 09. September findet um 16 Uhr im Gemeindesaal die nächste Gesprächsrunde zum Thema „80 Jahre Kriegsende“ mit Zeitzeugen der Ereignisse des Jahres 1945 statt.
Im Vortrag werden weitere, zumeist bislang unveröffentlichte Dokumente aus dieser Zeit vorgestellt. In den Akten aus der zweiten Jahreshälfte 1945 dominieren die Veränderungen des gesellschaftlichen Lebens samt Entnazifizierung, Beschlagnahmungen, Diebstählen, Versorgungsproblemen, Krankheiten, die Wiederaufnahme des Schulbetriebs sowie die Aufrechterhaltung bzw. Wiederingangsetzung der Wirtschaft.
Die Herausforderungen waren enorm, auch da sich die Einwohnerzahl durch den Zuzug von Flüchtlingen aus den deutschen Ostgebieten und durch Ausgebombte fast verdoppelte.
Neben einem Impuls von Pastor Volkmar Seyffert und einem Vortrag von Kustos Martin Heider wird Zeit sein zum Gespräch. Kantor Matthias Bönner wird den Nachmittag musikalisch gestalten.
Ort: Gemeindezentrum der Ev.-Luth. Kirchengemeinde Bad Doberan (Amtshaus), Klosterstraße 1b, 18209 Bad Doberan.

Bad Doberan in den ersten Wochen seit dem Kriegsende 1945

Abb.: 12.07.1945: Betrifft. Strom- u. Wasserversorgung für Doberan. Akte Stadtarchiv Bad Doberan R45. Schriftwechsel Bürgermeister Kommandantur 1945-47
Am 3. Juli 2025 fand die 2. Gesprächsrunde mit Zeitzeugen der Ereignisse des Jahres 1945 und inte-ressierten Gästen statt. Dabei wurden die Ereignisse in den Monaten Mai und Juni 1945 themati-siert. Die ersten Wochen nach dem Kriegsende in Bad Doberan waren u.a. von mehreren prägen-den Faktoren und Entwicklungen gekennzeichnet:
Zusammenbruch und Unsicherheit: Endlich war der Krieg beendet! Doch für die meisten Einwohner stellte sich nicht in erster Linie ein Gefühl der Befreiung ein, sondern von Niederlage, Kapitulation und dem Zusammenbruch der bisherigen Ordnung. Erschöpfung, neue Sorgen und Ratlosigkeit bestimmten die Stimmung. Was erst in der nächsten Gesprächsrunde am 9.9.2025 anhand der Archivalien genauer vorgestellt wird: Die Sterberate war insbesondere bei entkräfteten Flüchtlingen bzw. Vertriebenen hoch, darunter auch viele Kleinkinder.
Besatzung durch die Rote Armee: Die sowjetische Besatzung übernahm am 2. Mai die Kontrolle. Die Stadtverwaltung und der Bürgermeister hatten zunächst nur sehr begrenzte Entscheidungsbefugnisse. Viele Maßnahmen, wie Beschlagnahmungen von Eigentum, erfolgten auf Anordnung der sowjetischen Kommandantur.
Gewalt und Plünderungen: Es kam zu Plünderungen und Gewalttaten durch sowjetische Soldaten, darunter viele Vergewaltigungen und vereinzelt Morde. Beispielsweise wurde am 10. Mai 1945 ein Bauer in Hohenfelde erschossen, als er seine Tochter vor Vergewaltigung schützen wollte; auch seine Tochter wurde getötet. Es gab punktuell aber auch vereinbarte Schutzvorkehrungen durch die Unterbringung von Frauen und Kindern in bewachten Sammelunterkünften.
Selbstmorde und gewaltsame Tode: Zwischen dem 2. Mai und 7. Juli 1945 wurden mindestens 18 Selbstmordfälle und mehrere gewaltsame Todesfälle in Bad Doberan dokumentiert.
Gesellschaftliche und politische Umbrüche: Am 22. Mai 1945 wurde Joachim Butz zum Bürgermeister beauftragt, Otto Klöcking (Kommunist) zum stellvertretenden Bürgermeister ernannt. Die ersten schriftlichen Dokumente zur Entnazifizierung der städtischen Verwaltung erschienen ca. zwei Monate nach Kriegsende.
Infrastruktur- und Versorgungsprobleme: Die Stromversorgung war durch zusätzliche Bedarfe der Roten Armee und illegale Anschlüsse gefährdet. Die Stadtverwaltung musste mehrfach um Maßnahmen zur Reduzierung des Stromverbrauchs bitten. Auch die Wasserversorgung war höchst problematisch. Krankheiten und Epidemien grassierten (s. Aktenblatt).
Zur Verbesserung der dramatischen Lebensmittelversorgung sollten Wochenmärkte eingerichtet werden, auf denen Bauern überschüssige Produkte verkaufen durften.

Wohnraumbewirtschaftung und Nutzung von Baracken: So dienten die Baracken der Heinkel-Werke in Althof zunächst als Notunterkunft für Flüchtlinge, später als Unterkunft für sowjetische Einheiten und schließlich als Getreidelager.
Häuser wurden für die Unterbringung sowjetischer Offiziere und Einheiten beschlagnahmt. Bewohner mussten kurzfristig räumen, oft mit der Zusicherung, das Eigentum bleibe unberührt – was aber zumeist nicht eingehalten wurde.
Die Wohnraumlage war insgesamt dramatisch, auch da sich die Bevölkerungszahl in Bad Doberan durch Flüchtlinge und Vertriebene aus den Ostgebieten und Ausgebombte aus den Städten nahezu verdoppelte.
Denunziationen und willkürliche Verhaftungen: Es kam zu zahlreichen Denunziationen (Deutsche durch Deutsche) und willkürlichen Verhaftungen, wie das Beispiel von Klaus Bartsch zeigt, der offenbar zu Unrecht von den Sowjets u.a. im Lager Fünfeichen inhaftiert wurde.
Wirtschaftliche Neuordnung und Enteignungen: Private und öffentliche Güter wurden beschlagnahmt oder treuhänderisch verwaltet. So wurde das Vermögen der Ernst Heinkel Flugzeugwerke in Althof (Barackenlager) enteignet und unter treuhänderische Verwaltung gestellt.
Kulturelle und soziale Aktivitäten:
Trotz aller Schwierigkeiten fanden auch kulturelle Ereignisse wie das Pferderennen der Roten Armee am 3. Juni 1945 auf der Pferderennbahn statt.
Die Sowjetarmee behinderte einerseits den Aufbau eines geregelten gesellschaftlichen Lebens, half andererseits dies zu entwickeln, so auch bei der Erneuerung des Daches am südlichen Seitenschiff des Doberaner Münsters.
Insgesamt waren die ersten Wochen nach dem Kriegsende in Bad Doberan geprägt von
- Unsicherheit, Gewalt, Versorgungsproblemen,
- wirtschaftlicher Neuordnung und gesellschaftlichen Umbrüchen.
Zusammenstellung, bezugnehmend auf zahlreiche Akten: Martin Heider (Bad Doberan).
Weitere Dokumente u. Bildmaterial für Publikation 1945 gesucht
Das zuvor aufgeführte und zahlreiche weitere Dokumente sollen in folgender Publikation veröffentlicht werden:
Martin Heider: „Bad Doberan 1945 – Jahr des Zusammenbruchs und des Neuanfangs“
Die Dokumentensammlung für das Jahr 1945 für Bad Doberan mit Heiligendamm und Althof hat derzeit einen Umfang von ca. 130 Seiten. Für die gesamte NS-Zeit und weiter bis Ende 1945 sind bereits rund 350 DIN-A4-Seiten Transkriptionen von Originaldokumenten, von Abschriften und Zeitzeugenberichten chronologisch zusammengetragen.
Nach umfangreichen Recherchen im Stadt- und Kreisarchiv, der UNI-Bibliothek Rostock, der Staatsbibliothek Berlin, sollen in den nächsten Monaten Archivalien aus dem Landeshauptarchiv Schwerin, dem Landeskirchlichen Archiv Schwerin und der Bibliothek des Friderico-Francisceum Gymnasium Bad Doberan folgen.
Für die Gesprächsrunden und für die Publikation: „Bad Doberan 1945 – Jahr des Zusammenbruchs und des Neuanfangs“ werden weiterhin Aufzeichnungen und Bildmaterial gesucht.
Gesucht werden weiterhin Bildmaterial, Dokumente und Zeitzeugenberichte, beispielsweise Tage-bucheintragungen, Briefe etc., die die persönliche Sicht und Erlebnisse der Menschen wiedergeben.
Da heute nicht mehr sehr viele Menschen die historischen Handschriften beherrschen, besteht die Gefahr, dass historische Aufzeichnungen durch Entsorgung oder Nichtbeachtung für Forschungs- und Publikationsprojekten fehlen.
Wir bitten um Kontaktaufnahme mit der Münsterverwaltung, Kustos Martin Heider, Klosterstraße 2, 18209 Bad Doberan.
E-Mail:
Martin Heider

