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Der Uhrensteller vom Münster


 

Münsteruhr

 

Die OSTSEE-ZEITUNG Bad Doberan berichtete:

Bad Doberan: 120 Jahre alte Uhr wird jede Woche per Hand aufgezogen / Sanierung brachte Uhrwerk 2016 wieder in Gang

Die Uhr am Westgiebel des Doberaner Münsters ist eine ganz besondere. An die 120 Jahre alt, muss sie jede Woche noch von Hand aufgezogen und gestellt werden. Das übernimmt André Koischwitz-Benc ehrenamtlich jeden Donnerstag. Für die Zeitumstellung wird der 57-Jährige aber nicht extra mitten in der Nacht die 143 Stufen erklimmen. Seit zwei Jahren steigt André Koischwitz-Benc jede Woche eine schmale Wendeltreppe aus Stein an die 30 Meter in die Höhe. In einem kleinen Raum hoch oben unterm Dach des Doberaner Münsters wartet das Uhrwerk der Münsteruhr auf ihn.

Hier kennt er jedes Zahnrad, das in ein anderes greift, weiß, wo er drücken und drehen muss, damit die Uhrzeiger auf dem Ziffernblatt am Westgiebel die richtige Zeit anzeigen und die Glocken zur entsprechenden Stunde in richtiger Anzahl geschlagen werden.

Viertelstundenglocke war abgestürzt und zerschellt

Dass Uhr und Glocken den Doberanern und Gästen visuell und akustisch die Zeit mitteilen, ist erst seit Anfang 2016 wieder so. Die Viertelstundenglocke, die zur Viertelstunde einmal, zur halben zweimal, zur dreiviertel dreimal und zur vollen Stunde viermal schlägt, war Anfang der 1970er-Jahre abgestürzt und zerschellt. Vor 15 Jahren verstummte dann auch die Stundenglocke, die jede volle Stunde die Anzahl der Stunden schlägt. Grund: Das Schlagwerk war verdreckt und dadurch blockiert, erzählt Münsterkustos Martin Heider.

 

Mit der Sanierung des Westgiebels 2015 wurde die Uhr wieder instand gesetzt. Grimmener Glockenbauer reparierten das Schlagwerk, nahmen das Uhrwerk wieder in Betrieb. Das Ziffernblatt an der Außenwand wurde restauriert. Im Mai 2012 war die Viertelstundenglocke nachgegossen worden, die Stundenglocke stammt aus dem Jahr 1830. Über beiden wurde die sanierte Haube neu angebracht, von unten sind sie seitdem erstmals mit einem Netz gegen Verschmutzung geschützt. Wie Martin Heider weiter informiert, wurde im Mauerwerk eine Wartungsöffnung zwischen Uhrwerk innen und Schlagwerk außen geschaffen, die vorher nicht da war.

Mit den Instandsetzungsarbeiten sei auch überlegt worden, die Uhr auf Elektronik umzustellen. „Wir haben uns bewusst dagegen entschieden“, sagt Martin Heider. Neue Technik könne störanfällig sein und mit der vorhandenen Mechanik funktioniere die Uhr. „Und wir haben einen Helfer, der sie aufzieht. Es ist schön, dass es so funktioniert.“

André Koischwitz-Benc macht die Arbeit Spaß. „Geschichte, Uhren und Mechanik sind meine Leidenschaft“, sagt der Rostocker, der in Bad Doberan in der Kreisverwaltung arbeitet und seit zehn Jahren Münsterführer ist. „Bei der Uhr kann man sehen, wie es funktioniert, wie die Räder ineinandergreifen, das kann man noch verstehen“, sagt er, drückt einen Hebel und hält die Uhr damit an.

Denn diese geht einige Minuten vor. Es sei der alten Technik geschuldet, dass die Uhr nach einiger Zeit nicht mehr die exakte Uhrzeit angibt, so Koischwitz-Benc. Dadurch, dass sie jede Woche gestellt wird, gehe sie aber nie mehr als zwei Minuten vor oder nach.

Tradition der Uhren im Münster geht auf 1390 zurück.

Wie alt genau die Uhr am Westgiebel ist, kann Martin Heider nicht sagen. „Es gibt keine Inschrift. Von der Mechanik und dem Aufbau ähnelt sie Uhren aus dem frühen 20. Jahrhundert“, so der Münsterkustos. Doch auch vorher hat es hier eine Uhr gegeben, da die Schlagglocken aus dem Jahr 1830 stammen. Die Tradition mechanischer Räderuhren in Doberan reicht bis ins Jahr 1390 zurück, wovon das Ziffernblatt der ehemaligen astronomischen Uhr im Münster zeugt.

„Als die heutige Uhr gebaut wurde, gab es keine Zeitumstellung, daher müssen wir uns behelfen“, sagt Koischwitz-Benc. Für die Zeitumstellung im Herbst, wo die Nacht eine Stunde länger dauert, werde die Uhr einfach angehalten. Dafür wird der Ehrenamtler jedoch nicht nachts um zwei ins Münster kommen. „Das mache ich am Abend. Das ist das Einfachste und am wenigsten aufwendig.“ Die Uhr im Frühjahr eine Stunde vor zu stellen, sei da schon aufwendiger.

Das passiert über das Minutenrad. Dieses ist über eine Achse mit dem Minutenzeiger verbunden und dieser über ein Untersetzungsgetriebe mit dem Stundenzeiger. Durch eine Kupplung kann das Uhrwerk vom Zeiger getrennt werden, erläutert der Uhren-Fan. „Dadurch können wir den Zeiger verstellen, ohne das Uhrwerk zu berühren.“

Die Uhrzeit einzustellen, ist nicht die einzige Aufgabe jeden Donnerstag. Das Uhrwerk muss ebenso aufgezogen werden. Dafür müssen drei Gewichte, die an Stahlseilen hängen, hochgekurbelt werden. Das jeweilige Schlagwerk der Glocke hat ein Gewicht sowie eines für den Antrieb des Uhrwerks. „Pro Schlag geht das Gewicht fünf Millimeter nach unten“, sagt Koischwitz-Benc.

Das Aufziehen hatten zuvor immer die Küsterinnen übernommen. „Das ist schwer, die waren dankbar, als ich gesagt habe, ich mache das“, sagt Koischwitz-Benc und legt mit dem Kurbeln los.


Text und OZ-Fotos 1-4 u. 6: Anja Levien, Foto 2: Martin Heider.

 

 

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