Liebe Leserin, lieber Leser,
in den letzten Tagen habe ich in Ruhe vor dem Kreuzaltar im Münster gestanden. Ich freue mich so, dass das Gerüst an die Südseite umziehen konnte und wir den Westteil des Münsters für unsere Gottesdienste nutzen können.
Auf einem der Flügel des Altars sehe ich Maria. Sie sitzt auf einem Esel. Auf ihrem Schoß sitzt Jesus als Kleinkind. Beide haben ihre Gesichter einander zugewandt. Sanft streichelt Jesus mit dem rechten Arm das Gesicht der Mutter. Sein linker Arm ruht auf dem Arm der Mutter, die ihn umfängt. Kostbare Zärtlichkeit.
Der Esel trägt die beiden durch schroffes Gelände. Die Ohren sind aufmerksam aufgerichtet. Joseph geht vorweg. Er hat den Esel locker an einer Schnur. Das Gepäck hängt an einem Stock über der Schulter. Liebevoll und nachdenklich schaut er auf seine Lieben.
Was wird die Zukunft bringen?
Gerade noch haben Engel und Hirten gejubelt: Ein Kind ist uns geboren! Gottessohn und Menschensohn! Nun wird Friede auf Erden!
Wie kurz war dieser Moment des Friedens.
Bald muss die Familie alles hinter sich lassen und vor der brutalen Gewalt des Herodes fliehen. Er hat Befehl gegeben, alle erstgeborenen Kinder zu töten. So erzählt es die Bibel.
Ich schaue auf Mutter und Kind und entdecke in ihnen die Gesichter der Mütter und Kinder, die in diesen Wochen vor der Gewalt im Sudan durch die Wüste nach Libyen fliehen. Viele wissen nicht, ob ihre Männer und Väter noch leben.
Die Worte der Bibel und die Geschichten unserer Welt – sie klingen zusammen.
Die Geschichte Jesu ist zeitlos: Wie ausgeliefert und verletzlich sind die Gotteskinder aller Zeiten:
angewiesen auf Schutz, auf eine helfende Hand, Wärme, Nahrung und ein gutes Wort.
Sie sind zu allen Zeiten angewiesen darauf, dass sie gesehen werden und dass ihnen jemand das Herz öffnet und auch die Tür.
Wenn wir am 1. Advent singen: „Macht hoch die Tür, die Tor macht weit, es kommt der Herr der Herrlichkeit“ – dann werde ich an die Gotteskinder und ihre Eltern denken: aus Bethlehem, Darfur, Gaza, Charkiw…
Der „Herr der Herrlichkeit“ ist angewiesen auf uns, auf offene Herzen und Türen.
Eine gesegnete Advents- und Weihnachtszeit wünsche ich Euch und Ihnen!
Pastor Volkmar Seyffert